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Denkmalschutz und Wohnraum: David Vuillaume nimmt Stellung
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Denkmalschutz und Wohnraum: David Vuillaume nimmt Stellung

01.10.2026 – Wie lassen sich Denkmalschutz und bezahlbarer Wohnraum verbinden? David Vuillaume, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes, nimmt im Interview mit WOHNEN SCHWEIZ Stellung.

Welche Rolle spielt der Denkmalschutz angesichts der Wohnungsknappheit? Wo sind Kompromisse möglich, wo ist Erhalt unverzichtbar? Im Gespräch mit WOHNEN SCHWEIZ erläutert David Vuillaume die Haltung des Schweizer Heimatschutzes. Dabei nimmt er auch zur Kritik an Inventareinträgen, Schutzauflagen und langen Verfahren Stellung.

Lesen Sie nachfolgend das vollständige Interview. Den Beitrag aus dem Magazin WOHNEN SCHWEIZ 3/2026 finden Sie als PDF im Anhang.

David Vuillaume ist Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes. Seit 2017 ist er zudem Vorstandsmitglied im Dachverband Netzwerk Kulturerbe Schweiz. Zuvor leitete er den Deutschen Museumsbund und war Präsident des europäischen Museumsnetzwerks NEMO. Der Kunsthistoriker und Betriebswirt engagiert sich seit über 25 Jahren für die Erhaltung und Förderung des Kulturerbes sowie für die Stärkung der Zivilgesellschaft.

«Die Frage ist, welche Schweiz dabei entsteht»

Herr Vuillaume, wie beurteilt der Schweizer Heimatschutz das Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und der Schaffung von zusätzlichem bezahlbarem Wohnraum?
«Die Bevölkerung braucht bezahlbaren Wohnraum und eine hohe Lebensqualität. Beides darf nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der Heimatschutz setzt sich für eine gebaute Umwelt ein, die historisch gewachsen, identitätsstiftend und lebenswert bleibt. Oft trägt gerade der Erhalt bestehender Bauten auch dazu bei, preisgünstige Wohnungen zu bewahren. Wer jedes ältere Gebäude als Hindernis betrachtet, macht es sich zu einfach.»

Verdichtung soll vor allem dort stattfinden, wo bereits gebaut und gut erschlossen ist. Genau dort gibt es aber viele geschützte oder inventarisierte Bauten. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?
«Sie sprechen eine der grössten Herausforderungen der Raumplanung an. Die Schweiz will die Zersiedelung begrenzen und gleichzeitig genügend Raum für Entwicklung schaffen. Der Heimatschutz setzt sich für eine sorgfältige Verdichtung ein, die Bestehendes respektiert und intelligent weiterbaut, statt vorschnell abzureissen. In diesem Sinne stehen geschützte Bauten und Ortsbilder einer Verdichtung nicht grundsätzlich im Weg.»

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen berechtigtem Schutz und einer Bewahrung, die notwendige bauliche Entwicklung verhindert?
«Eine gute bauliche Entwicklung berücksichtigt die historische Substanz, die Weiterentwicklung des Ortsbilds und die Lebensqualität der Menschen. Die Grenze ist dort erreicht, wo Entwicklung nur noch in Abriss und maximaler Ausnutzung gedacht wird, ohne Rücksicht auf den Charakter eines Ortes. Verdichtung darf nicht nur mehr Nutzfläche schaffen, sondern muss auch Identität, Baukultur und soziale Durchmischung erhalten.»

Wohnbauträger kritisieren, dass bereits Inventareinträge ihre Planungssicherheit stark einschränken. Ist diese Kritik aus Ihrer Sicht nachvollziehbar?
«Inventare machen kulturell bedeutende Objekte und Orte sichtbar und würdigen ihren Wert für die Gesellschaft. Aus rein wirtschaftlicher Sicht können sie als Einschränkung wahrgenommen werden. Sie sind aber auch eine Bereicherung: Sie stärken die Identität eines Ortes, schaffen Orientierung und tragen zur Attraktivität von Gemeinden und Städten bei. Gerade deshalb sind sie langfristig auch ein wirtschaftlicher Standortfaktor. Und übrigens, wir intervenieren in weit weniger als 10 Prozent der bewilligten Bauvorhaben, die inventarisierte Gebäude oder Ortsbilder betreffen.»

Bei älteren Genossenschaftssiedlungen kann ein Ersatzneubau deutlich mehr bezahlbare Wohnungen ermöglichen. Wie stark muss dieses Interesse gegenüber dem Erhalt gewichtet werden?
«Idealerweise werden beide Interessen sorgfältig und gleichwertig geprüft. Wenn ein Konflikt besteht, ist unsere Rolle jedoch klar: Der Heimatschutz setzt sich für den Erhalt kulturell bedeutender Bauwerke und Ortsbilder ein. Dafür sind wir da.

In einzelnen Fällen müssen wir uns auch gegen den Abriss von Bauten der Nachkriegszeit wehren. Gerade Baugenossenschaften haben zwischen 1920 und 1970 wichtige Pionierwerke der modernen Architektur geschaffen, die heute Teil unseres baukulturellen Erbes sind. Es ist wichtig, dass solche Zeugnisse ihrer Zeit auch für kommende Generationen erhalten bleiben.»

Muss die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum bei der Interessenabwägung künftig stärker berücksichtigt werden?
«Bezahlbarer Wohnraum gehört zu den wichtigsten Anliegen der Bevölkerung. Die Ursachen der Wohnungsknappheit sind jedoch vielfältig. Die Behauptung, der Heimatschutz verhindere den Wohnungsbau, ist ein bequemes Argument. Hohe Nachfrage, steigende Bodenpreise und wirtschaftliche Anreize prägen den Wohnungsmarkt weit stärker als der Denkmalschutz. Der Schweizer Heimatschutz ist weder für das Bevölkerungswachstum noch für politische Rahmenbedingungen verantwortlich, die den Druck auf den Wohnungsmarkt erhöhen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass bauliche Entwicklung nicht auf Kosten von Baukultur, Ortsbildqualität und Lebensqualität geschieht. Wer die Wohnungsknappheit dem Heimatschutz anlastet, sucht eher einen Sündenbock als tragfähige Lösungen.»

Schutzauflagen können Sanierungen verteuern und energetische Verbesserungen erschweren. Wo sollte der Denkmalschutz hier kompromissbereiter sein?
«Historische Gebäude bringen Verantwortung mit sich. Wer sie besitzt, übernimmt auch Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Gleichzeitig ist der Erhalt bestehender Bauten oft ökologisch sinnvoll und kann dazu beitragen, erschwinglichen Wohnraum zu bewahren. Die nachhaltigsten Bauten sind häufig die, die bereits stehen.»

Kritisiert werden auch lange Verfahren und Einsprachen. Trägt der Heimatschutz eine Mitverantwortung dafür, dass Wohnbauprojekte teilweise über Jahre verzögert werden?
«Wer lange Verfahren allein dem Heimatschutz zuschreibt, macht es sich zu einfach. Gute Projekte stellen wir nicht infrage. Das Verbandsbeschwerderecht nutzen wir sehr zurückhaltend. Ziel ist nicht die Verzögerung von Projekten, sondern deren Verbesserung oder die Sicherstellung, dass geltendes Recht eingehalten wird.

Das Einsprache- und Verbandsbeschwerderecht ist ein wichtiges demokratisches Instrument. Es einzuschränken, wie derzeit gefordert wird, wäre unverhältnismässig. Der Heimatschutz vertritt keine privaten oder kommerziellen Interessen, sondern die Anliegen einer breiten Zivilgesellschaft. Wo Behörden Fehler machen oder gesetzliche Vorgaben zu wenig beachten, übernehmen wir eine wichtige Korrektivfunktion. Dass Gerichte unseren Beschwerden häufig Recht geben, zeigt, dass es oft um rechtlich problematische Vorhaben geht.

Hinter unserem Engagement stehen Tausende Mitglieder und Gönnerinnen und Gönner aus allen Teilen der Schweiz, die sich für den Erhalt von Baukultur, Ortsbildern und Lebensqualität einsetzen. Wir erinnern daran, dass Bauen nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber dem kulturellen Erbe und kommenden Generationen ist.»

Könnten frühere Gespräche zwischen Heimatschutz, Denkmalpflege, Behörden und Wohnbauträgern helfen, Konflikte zu vermeiden?
«Ja. In den meisten Fällen funktioniert die Zusammenarbeit bereits gut. Darüber wird allerdings selten berichtet, denn Konflikte machen mehr Schlagzeilen als erfolgreiche Zusammenarbeit. Denkmalpflege und Heimatschutz beraten regelmässig Eigentümerinnen, Eigentümer und Projektverantwortliche. Die besten Lösungen entstehen meist dort, wo alle Beteiligten frühzeitig das Gespräch suchen.»

Wo muss der Denkmalschutz angesichts der Wohnungsknappheit künftig beweglicher werden und wo darf es aus Ihrer Sicht keine Kompromisse geben?
«Die Gegenüberstellung von Wohnungsknappheit und Denkmalschutz wird oft künstlich von Teilen der Politik, der Bau- und Immobilienbranche sowie von gewissen Medien aufgebaut. Tatsächlich wird in der Schweiz gebaut, verdichtet und abgerissen wie kaum je zuvor. Das Problem ist nicht der Mangel an Bautätigkeit, sondern die Frage, welche Schweiz dabei entsteht.

Kompromisse sind möglich, solange Baukultur und Ortsbild ernst genommen werden. Wo jedoch bedeutende Bauten und gewachsene Ortsbilder allein kurzfristigen Verwertungsinteressen geopfert werden sollen, braucht es Widerstand. Die Schweiz verdankt ihre Attraktivität nicht austauschbaren Standardlösungen, sondern ihren unverwechselbaren Städten, Dörfern und Landschaften.

Der Heimatschutz setzt sich für Entwicklung mit Qualität ein. Wir unterstützen Projekte, die ihren Ort respektieren und einen Beitrag zu einem lebenswerten Umfeld leisten. Was wir ablehnen, sind gesichtslose Lösungen, die überall gleich aussehen und die Schweiz Schritt für Schritt ihrer Identität berauben. Genau deshalb braucht es den Heimatschutz.»

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